|
"Die sollen lieber fahren, statt zu trinken...", meinte ein ranghoher Porsche-Ingenieur seinerzeit, als die (Un-)Sitte der Getränkehalter im Auto von den USA zu uns nach Europa herüberschwappte. Der neue 911er hat jetzt doch einen. Und was für einen. Wahrscheinlich den technisch aufwändigsten (weil elegant versteckten) Getränkehalter den es am Auto-Markt gibt.
Liebe steckt eben im Detail. Und das merkt man bei dieser sehr gelungenen 7. Auflage der erstmals 1963 gebauten Sportwagen-Legende 911 überall: Die guten alten Rundscheinwerfer haben wieder zurück zum Flaggschiff der Zuffenhausener Luxus-Schmiede gefunden und die Scheinwerfer-Waschanlage in Form von zwei silbernen Knöpfchen sieht auf Entfernung so aus, wie die großen Chrommuttern, die einst beim 911-Vorgänger 356 das Gehäuse hielten.
Ein Team von eigens abgestellten Sound-Ingenieuren hat dem Carrera (325 PS) und dem Carrera S (355 PS) auf verblüffende Weise unterschiedliche Stimmen verliehen (siehe Porsche-Motorworkshop). Und der Carrera S wird erstmals mit adaptivem Fahrwerk geliefert, das auf Knopfdruck von sportlich-bequem auf brettlhart umstellt. Etwas tiefer als sein Vorgänger liegt der neue 911er. Hinten ist er 30 Millimeter breiter und auch die Räder sind noch großer geworden (18 Zoll für den Carrera, 19 Zoll serienmäßig für den Carrera S), weshalb der Neue noch ein wenig besser in der Kurve geht.
Erstmals beim Carrera gibt es auf Wunsch Keramik-Bremsen, die bisher nur beim Turbo und beim Non-Plus-Ultra Porsche GT zu bestellen waren. Neu und sehr angenehm ist auch die Option der adaptiven Sitze, bei denen man elektrisch und stufenlos bei Fahrer und Beifahrer von Sofa auf Schraubstock umstellen kann.
Bei ersten Testfahrten ist Folgendes aufgefallen: Der Carrera S hat als markantestes Interieur-Merkmal eine entzückende Analog-Stoppuhr auf der Mittelkonsole, die allerdings leider nur über den Bordcomputer gestartet werden kann, was der bisherigen schönen Philosophie zur Einfachheit der Porsche-Technik widerspricht.
Ebenfalls als unglücklich in diese Kategorie gehört: Das Lenkrad wurde zwar völlig frei von Tempomat-Knöpfchen und Radio-Fernbedienung (die es überhaupt nicht gibt) gehalten, dafür staut sich im Bereich von Blinker und Lichthupe ein Wald unübersichtliche Druck-Dreh-Wald von vier Hebeln und das Navi-Radio glänzt auch nicht gerade vor Übersichtlichkeit mit seinen Miniknöpfchen.
Die Verarbeitung ist ganz hervorragend, bis auf den Aschenbecher aus lieblos gestanztem Plastik, der beim Schließen leicht klemmt.
Die Lenkung wird ab einem Einschlagwinkel von 30 Grad immer direkter, was nicht nur beim Serpentinen-Wedeln ein Bonus ist, sondern auch beim Einparken.
Technisch misslungen: Die Scheinwerfer-Waschanlage bestreicht nicht nur die Scheinwerfer und die gesamte Frontscheibe ausgiebig, sondern auch Fahrbahn und Gehsteig einen Meter links und rechts neben dem Fahrzeug.
Wie üblich beim 911er fasst der Kofferraum vorn ungefähr zwei Trolleys oder zwei Bierkisten und zwei Anzüge. Außerdem kann man auf den Notsitzen (die ihren Namen wirklich verdienen) ebenfalls noch einiges unterbringen für den Urlaub zu zweit.
Erstaunlich für einen Sportwagen ist der Stauraum in den Tür-Armlehnen. Dass ausstattungsmäßig ein Bose-Soundsystem den 911er akustisch befeuert, ist noch ein zusätzlicher Genuss.
Bei all den überkritischen Anmerkungen: Der Porsche 911 liegt unglaublich auf der Straße, tritt an wie ein Ochse und regelt spät, aber sauber ab, wenn die Panik zu Unfug verleitet. Ein geniales Fahrzeug zu einem überirdischen Preis. Ach ja: Beleuchtete Schminkspiegel gibt es für Beifahrer und Fahrer: Schließlich wollen auch Frauen Spaß haben...
Stolzer Einstiegspreis für den "kleinen" Carrera ab 93.100 Euro. Den Carrera S gibt es ab 104.090 Euro. Tiptronic (schnell aber wegen Druckknöpfe statt Wippen nicht wirklich lustvoll zu bedienen) als Extra um 3500 Euro.
|